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In der Welt der atomisierten Wahrheiten: vom Umgang mit Manipulationen, Verkürzungen, fake news und den Möglichkeiten der Klitterung in der Medien- und Kommunikationsgesellschaft

Der dritte Golfkrieg im Frühjahr 2003 wurde geführt, weil der damalige US-amerikanische Außenminister Colin Powell im Uno-Sicherheitsrat den Angriff der Amerikaner und Briten mit Computerzeichnungen von irakischen Raketenfahrzeugen und Abschussbasen begründet hatte. Die Welt glaubte seinen naiven Bildern von vorgeblichen irakischen Raketen, weil sie dem hochdekorierten Ex-General Powell und seinem Ministerium vertraute. Und der Minister glaubte den Quatsch vermutlich auch selber.

Es spricht einiges dafür, dass Powell an jenem 5. Februar 2003 nicht ahnte, wie er mit dieser Fälschung als Lügen-Kriegstreiber in die Geschichte eingehen würde. Ein Paradebeispiel für staatliche Desinformation. Der General hatte sich zum Werkzeug der Propaganda machen lassen und deren Interessen und ihre Skrupellosigkeit nicht durchschaut. Der beste Schutz der Lüge war die bombastische Dreistigkeit, mit der sie sich darbot.

Wo war die Kontrolle durch die Medien? Sie versagte strukturell, weil die Journalisten Wichtiges live berichten und in die Welt setzen, ohne die Wirkungen kontrollieren zu können. Wenn dann irgendwann später einmal die Wahrheit ans Licht kommt, sind die erwünschten Folgen der manipulierten Inhalte längst unumkehrbar. Erschreckend viele angesehene Redakteure und Reporter plapperten die Lügen auch unreflektiert nach.

Ähnlich listig war zuvor schon die Legitimation des Zweiten Golfkrieges gesteuert worden. Im Gedächtnis blieb hier die Story einer kuwaitischen Krankenschwester, die am 10. Oktober 1990 vor einem Menschenrechtskomitee des US-Kongresses unter Tränen schilderte, wie irakische Soldaten in ihrem Krankenhaus in Kuwait Frühchen aus den Brutkästen gerissen und sie auf diese Weise umgebracht hatten. Auch aufgrund der Aussagen dieser Zeugin stimmte der US-Senat am 12. Januar 1991 für den Krieg gegen den Irak. Die Frau, die lediglich ihren Vornamen „Nayirah“ angab und ihre familiäre Herkunft verschwieg, erwies sich erst nach dem Krieg, als Reporter der Geschichte auf den Grund gingen, als die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA – sie war keine Krankenschwester, ihre perfide Lügengeschichte sollte den Zuspruch der amerikanischen Bevölkerung sichern, was auch funktionierte.

Der Vietnamkrieg war der letzte Krieg, in dem Journalisten unvoreingenommen und wahrheitsgemäß und mithin gegen die Interessen des eigenen Militärs berichten konnten. Nie mehr sollte so etwas möglich sein. Daraus haben alle Parteien aller nachfolgenden Kriege den gleichen Schluss gezogen. Seither können Reporter nur noch als eingebettete („embetted“) Journalisten ihre Nachrichten und Stories übermitteln. Von unabhängiger Kriegsberichterstattung kann keine Rede mehr sein. Die Journalisten des eigenen Landes erhalten Material, das sie nicht überprüfen können, sie senden und zeigen, was ihnen aus bisweilen unbekannten Quellen und mit unbekannter Interessenlage übergeben oder zugespielt wird. Manchmal direkt von der militärischen Leitung, manchmal von angeblichen Opfern. Ob die Bilder, die Zeugen, die Schicksale echt sind, können sie allzu oft nicht prüfen. Der mediale Wettbewerb lässt nicht mehr zu, brisantes Material zurückzuhalten, nachzurecherchieren, zu begutachten und abzuwägen, es nicht zu veröffentlichen, wenn andere Medien längst mit der Geschichte rauskommen.

Der Authentizitäts- und Wahrhaftigkeitsmangel vieler Informationen gilt nicht nur für die Kriegsberichterstattung, sondern für jegliche Kommunikation, für Journalismus, Public Relation, Werbung, für Fotografie und Video.

Schon immer musste, was nicht nachweisbar unwahr ist, nicht zwingend wahr sein. Selbst dasjenige, was nach den vorliegenden Indizien und Beweisen die größte Wahrscheinlichkeit hat, wahr zu sein, kann das nicht für sich in Anspruch nehmen. So ist das mit der Wahrheit: immer etwas schwierig. Die Wahrheit bietet ihrem Nutzer in aller Regel mehrere Möglichkeiten. Je nach Art der Betrachtungsweise, nach Perspektive und nach dem Zeitpunkt der Anschauung. Aber nie war es so einfach, Falsches, Erfundenes, Verleumderisches und Manipuliertes in die Welt zu setzen und Millionen Menschen in die Irre zu führen wie in der Ära der Digitalisierung, des Internets und der sozialen Medien. Deshalb bedarf es mehr denn je einer Auseinandersetzung mit Wahrheit und Irreführung, Information und Propaganda, Fakt und Werbung, Nachricht und Perspektive, Wissenschaft und Meinung.

Im Altertum galt als wahr, dass die Erde eine Scheibe ist. Im Mittelalter, dass „Hexen“ Menschen verrückt machen. Bis vor wenigen Jahren glaubten Pädagogen, Sport sei für die Entwicklung von Kindergehirnen nicht wichtig. Erst durch die moderne Hirnforschung weiß die Gesellschaft, dass es nichts Bedeutenderes für die kognitive Leistungsfähigkeit von Kindern gibt als körperliche und/oder musische Koordinationsaufgaben, möglichst täglich. Gehirnjogging ist also wörtlich zu nehmen.

Selbst die Wissenschaft versteht es, die Wahrheit zu fälschen und zu manipulieren

Die Kausalität zwischen Rauchen einerseits und Atemwegserkranken und diversen Krebsarten andererseits schien lange Zeit ebenfalls keine hinreichende Evidenz zu haben, um das Prädikat der Wahrheit für sich in Anspruch nehmen zu können. Etliche von der Industrie geförderte Forscher entwickelten kreative Methoden, das Naheliegende durch allerlei Verschleierungen, Fehlinterpretationen und Irreführungen als nicht bewiesen oder sogar als Falschannahme zu diffamieren. Die kooperativen Wissenschaftler bedienten sich der eingängigen Mittel zur Herstellung von Glaubwürdigkeit: Qua Funktion, qua Expertendiktion und qua Zahlenvorlage wirkten sie tatsächlich einige Zeit lang unvoreingenommen und seriös. Denn jeder Wissenschaftler kennt die verlockenden Möglichkeiten, Wahrheiten in Ausschnitten zu präsentieren, durch drastische Verkürzungen zu verfälschen und sie kreativ auszulegen – bisweilen gemäß den Interessen von großzügigen Spendern und Drittmittelförderern.

So gewann die Zigarettenindustrie wertvolle Jahre.

Dass Rauchen Krebs fördert, gilt inzwischen als Binse. So volatil sind Wahrheiten, je nachdem, in welcher Zeit sie entstehen und immer wieder bewiesen werden. Manche Erkenntnisse gelten als Wahrheiten und sind doch nicht mehr als scheinbar belegte Glaubenssätze.

Unser Heil suchen wir gern in der Bestätigung der großen Zahl. Als Beweise sollen überprüfbare Zahlen dienen. Die Menschen sind zahlengläubig. Zahlen werden international verstanden, sie bedienen den Anschein von Genauigkeit und wirken wie unwiderlegbare Fakten mit der Aura von Wahrheit. Aber wie Statistiken einseitig aufgebaut und durch scheinbar sachliche Fragestellungen und vorgegebene Antwortkategorien eine Wissenschaftlichkeit simuliert werden kann, wie für das Verständnis wichtige Angaben weggelassen werden, das wissen sowohl Journalisten als auch Werbeleute und Interessenvertreter. Schon Winston Churchill wollte nur jenen Statistiken glauben, die er selbst gefälscht hatte. Wenn also die Arbeitslosenquote rasch sinkt, mag das daran liegen, dass bestimmte Betroffenengruppen gezielt ausgeklammert worden sind.

Die Wissenschaft und mithin die Erkenntnis gedeihen immer dann, wenn angenommene Wahrheiten widerlegt werden. Wissenschaft entwickelt sich durch sinnvollen Widerspruch, durch Zweifel und verifizierte Antithese – wider das scheinbar Gewisse und vielfach Bestätigte. Die besten Hochschularbeiten sind jene, die aufräumen mit althergebrachten Annahmen und Weisheiten.

Es gehört List dazu, die Wahrheit zu verbreiten, wo sie nicht erwünscht ist

Im Pariser Exil hat Bertolt Brecht 1934 eine Schrift mit dem Titel „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ verfasst. Er wollte, dass sie sich in Hitlerdeutschland verbreitet. Darin heißt es: „Es gehört Mut dazu, die Wahrheit – auch über sich selber – zu schreiben. Es gehört Klugheit dazu, zu erkennen, was wahr ist. Es gehört Kunst dazu, die Wahrheit so zu schreiben, dass sie wirkt. Es gehört Urteilskraft dazu, sich die Richtigen auszusuchen, denen die Wahrheit zu sagen sich lohnt. Es gehört List dazu, die Wahrheit dort zu verbreiten, wo sie nicht erwünscht ist.“ All dies gilt in der Digitalkultur, der Zeitgleichheit von weltumspannenden Informationen und dem grassierenden fundamentalistischen Fanatismus vielleicht mehr denn je.

Vorurteile entstehen, weil die Menschen dazu neigen, Einzelfälle zu verallgemeinern. Wenn sie sich bei einer signifikanten Minderheit verfestigen, ist ein Stereotyp geboren. Beispiele: „Die Russen sind eine Bedrohung für den Weltfrieden.“ „Afrika hat wenig Kultur.“ „Der Islam ist eine kriegerische Religion.“ Wie entstehen und verbreiten sich solche Scheinwahrheiten? – Durch mangelndes Wissen. Durch eine fehlende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenstand. Durch Angst vor dem Andersartigen, dem Fremden. Durch die Abwesenheit von Neugier und Erkenntnisgewinn. Durch das Weitertragen von Lügen, Halbwahrheiten und manipulierten Nachrichten.

Es ist eine originäre Aufgabe des Journalismus, diese Klischees gegen den Strich zu bürsten, zu korrigieren. Dafür müsste er aber seine wichtigste Zielgruppe, die breite Öffentlichkeit, zur Reflexion verführen, zur Prüfung der eigenen Wahrnehmung, des jeweils subjektiven „Wahrheitsanspruchs“. Dieser wichtigen Aufgabe kommen die Medien nicht mehr hinreichend nach. Im Zeitalter der digitalen Vernetzung haben sie an Bedeutung verloren. Ihre Funktion als Agent der Aufklärung ist in den Hintergrund getreten angesichts des wirtschaftlichen Überlebenskampfes der Verlage und privaten Fernsehsender.

Den öffentlich-rechtlichen Gebührenanstalten in Deutschland geht es im Vergleich zur Wettbewerbssituation des freien Marktes hervorragend. Sie sind ökonomisch üppig ausgestattet, verfügen über die sagenhafte Summe von rund neun Milliarden Euro jährlich. ARD und ZDF sind damit das am besten finanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunksystem der Welt. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinen Rundfunkurteilen immer wieder den Bestand und die Entwicklung der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland zementiert. Einstweilen können sich die Intendanten noch darauf berufen. Gegenwärtig erzielen ihre Stationen noch etwas mehr als 40 Prozent der Marktanteile bei den Zuschauern. Aber wenn sie ihr Selbstverständnis nicht prüfen und grundlegend ihre Ansprüche korrigieren – hin zu Qualität und weg vom reflexartigen Schielen nach Quoten – werden die tragenden Wände bröckeln, der Druck zunächst auf die Politik und dann auf die Gremien der Sender wird so groß werden, dass die staatlich subventionierten Anstalten um ihr Gebührenprivileg fürchten müssen.

Leichter als das Fernsehen können einfache Medien wie Flugblätter und schriftliche Nachrichten Wahrheiten ausdrücken. Nehmen wir eine fiktive Meldung: „Heute um 13 Uhr ist über Südschweden ein Passagierflugzeug mit 230 Menschen an Bord abgestützt. Alle Passagiere sowie die gesamte Besatzung kamen ums Leben. Die Ursache ist noch unklar. Der schwedische Ministerpräsident brach daraufhin seinen Staatsbesuch in Russland ab und flog nach Stockholm zurück.“ Das sind viele Informationen, die als Tatsachen in einem kurzen Text hintereinander notiert sind. Die Textnachricht ist hierarchisch strukturiert, das heißt, die Bedeutung der Informationen nimmt im Verlauf des Textes ab, er kann von hinten gekürzt werden.

Technische Manipulationen sind erkennbar, trotzdem glauben die Menschen den Bildern

Wenn das gleiche Geschehen in einem technischen Medium wie dem Fernsehen vermittelt wird, erhält der Nutzer erheblich mehr Informationen, weil er neben dem Text viele Bildinhalte aufnimmt. Eine solche Bild-Text-Nachricht ist vielfach ausgewählt und bearbeitet worden. Sie mag dramatisiert sein oder völlig harmlos aussehen, sie könnte als Animation oder als Foto vom Trümmerfeld an der Absturzstelle dargeboten werden oder von Kameraeinstellungen weinender Angehöriger. Bei der Produktion der Bilder kommt es auf den Zeitpunkt an, auf die Kameraperspektive, auf das Licht, die eingesetzten Filter, die Brennweite des Objektives, die Einstellungswinkel, -größen und -längen, die Geräusche, die Stimmung, die Vorder- und Hintergründe, die O-Töne der Gesprächspartner, die Menge der Statements, deren Inhalte und Reihenfolge, schließlich die Montage und die im Schnitt eingesetzten technischen Effekte (Blenden, Zeitlupe, Musik, Einkreisungen, Verpixelungen, Inserts etc.). All dies ist zwar selbstverständlich im Fernsehen, dennoch muss es als Manipulation verstanden werden, nicht als objektive Wahrheit. Trotzdem meinen Zuschauer oftmals recht voreilig, sich auf das Gesehene sofort einigen zu können. Auf diese Weise definieren die (audio)visuellen Medien die neuen Wahrheiten. Um es mit dem tschechischen Philosophen Vilem Flusser zu sagen: „Das gegenwärtige Geschehen rollt nicht mehr irgendeiner Zukunft, sondern den technischen Bildern entgegen.“

Damit sie Klarheit in die komplizierteren Ereignisse bringen, werden Experten hinzugezogen. Sie sind hoch angesehen. Dabei pflegen sie meist Fachsprachen, deren Begriffe wahrhaftig wirken, weil sie definiert und streng umrissen sind, z.B. in der Medizin und der Technik. Man kultiviert seinen elitären Jargon, bestimmt, was dieser Gruppe eigen ist, und bleibt auch sonst gern unter sich. Dieser distanzwahrende Gestus ist so wenig gewollt wie geeignet, um mit Verständlichkeit zu überzeugen. Er dient im besseren Fall dazu, Wahrheiten etwas zu verklausulieren, im schlechteren verschleiert er sie oder lenkt gar davon ab.

Auf der anderen Seite des Schreibtisches bei der Vermittlung von Wahrheiten sind die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Organisationen und Institutionen, die ebenso wie die Journalisten kommunizieren, allerdings in eigener Sache. Sie können in unserer mediatisierten Welt der Transparenz und der individuellen Kommunikationsmöglichkeiten eigentlich nicht mehr lügen, weil in diesem Falle erstens am Ende alles heraus käme und weil sie sich damit zweitens erpressbar machten von Mitwissern, z.B. Führungskräften, Kooperationspartnern, Wettbewerbern. Das bedeutet: Auch die deutschen Institutionen, und hier vor allem die Unternehmen, berichten fast ausnahmslos wahrheitsgemäß. Aber sie kommunizieren zuvörderst solche Wahrheiten, die ihnen genehm sind. Unbequeme Tatsachen werden gern verschwiegen. So wie also der Journalismus durch eine Verkürzung die Wahrheit bearbeitet – schon wegen des begrenzten zur Verfügung stehenden Platzes –, so bearbeiten auch die Institutionen, Unternehmen, Regierungen, Verbände und Initiativen die Wahrheit, und zwar durch Weglassen von Informationen, die für das Verständnis von Zusammenhängen wichtig sind. Sie dürfen das.

Der Journalismus darf dies in seiner zunehmenden Thesenberichterstattung nur bedingt. Wenn er allzu einseitig darstellt und die Rezeption des jeweiligen Beitrags nur einen Schluss zulässt, diese Folgerung allerdings nicht hinreichend durch Beweise gedeckt ist (beispielsweise bei einer reinen Verdachtsberichterstattung), so ist dies justiziabel. Die inkriminierte Person oder Organisation kann sich gegen solch einseitige Berichterstattung mit juristischen Mitteln zur Wehr setzen. Aber kaum ein deutscher Journalist weiß, was eine solchermaßen „falsche innere Tatsachenbehauptung“ ist und warum es wichtig wäre, sich darüber zu informieren.

Versäumnisse allerorten. Wir leben in einer Welt der Halb- und Viertelwahrheiten – manchmal der atomisierten. Gleichzeitig wird in der deutschen Wirtschaft noch immer viel zu sehr in Kategorien von Werbung gedacht und gehandelt. Dabei ist sie längst nicht mehr so glaubwürdig wie früher, seitdem die Menschen wissen, wie sie entsteht und eingesetzt wird, was sie kostet, welche Zwecke mit ihr erreicht werden sollen und seitdem jeder User die Werbe-Scheinwahrheiten durch eine kurze Recherche im Netz widerlegt findet. Die Bedeutung von Werbekampagnen hat in den vergangenen Jahren beständig abgenommen. Um Wahrheit geht es in der Werbung nicht, sondern um Aufmerksamkeit, Gefühle, Versuchungen, Begehren und Images.

Die Werbeästhetik der paradiesischen Wunschwelten gibt es noch im Vorabendfernsehen

Weil sich der Werbemarkt wandelt, sprechen die Werber, die sich gern die „Kreativen“ nennen, neuerdings allenthalben von „Content Marketing“ als der neuen Königsdisziplin. Damit meinen sie, dass Institutionen ihre Inhalte in Storyform präsentieren sollten. Wahre Geschichten sind stärker gefragt, nicht mehr beschönigte Selbstdarstellungen aus einer paradiesischen Wunschwelt. Immer weniger preisen dauergrienende TV-Entertainer Wurst- oder Marmeladenbrote im Vorabendfernsehen. Im Kern geht es bei diesem Werbe-Ansatz also um das, was der Journalismus schon immer geleistet hat. Insofern könnte man meinen, der Journalismus habe doch noch eine Zukunft.

Die aus der Not geborene Erkenntnis der Werbemanager, Geschichten erzählen zu müssen, definiert die neuen Kommunikationsbedingungen für Organisationen aller Art. Geschichten, vorzugsweise emotionale, transportieren mehr Kompetenz und Sympathie als Marketing-Bla-Bla mit den gängigen Buzzwords wie „Innovation“, „Erfolg“, „Zukunftsfähigkeit“, „Wachstum“, „Hightech“, „Nachhaltigkeit“. Organisationen sollten nicht abstrakt mit diesen Begriffen jonglieren, sondern konkret werden und individuelle Erlebnisse von echten Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten kommunizieren. Dazu benötigen sie einen entsprechend journalistischen Blick auf ihre Existenz.

Besonders vertrauenswürdig sind jene Organisationen, die nicht warten, bis Anspruchsgruppen nach unbequemen Themen fragen, sondern diese Angelegenheiten von sich aus behandeln und veröffentlichen. So genießen beispielsweise jene Nahrungsmittelhersteller den besten Ruf, die proaktiv Auskunft geben über ihren Umgang mit Konservierungsmitteln, Aromen, Farbstoffen, Zucker, Salz und anderen Inhalten. Transparenz und Informationen schaffen Vertrauen. Verbraucher können nur dann eine Beziehung zu einem Hersteller aufbauen, wenn sie manches über diese Marke wissen und die Produktqualität für besonders gut halten. Wer also nicht glaubwürdig kommuniziert, wird nicht nachhaltig erfolgreich sein.

Im Mittelalter galt das Wahre als das Gute. Aber Wahrheit kann schlecht sein: Sollte ein Flugkapitän seinen Passagieren wahrheitsgemäß vom Ausfall mehrerer Instrumente berichten? Hier ist zu unterscheiden zwischen Gesinnungsethik – das reine Motiv ist entscheidend, nicht das Resultat des Handelns – und Verantwortungsethik – dabei ist das Ergebnis wichtiger als das Motiv. Auch unwichtigere Wahrheiten müssen manchmal verschwiegen werden, um wichtigere Werte zu schützen, um Menschen nicht zu verletzen, Ehen zu retten, Kriege zu verhindern. Liebe und Freundschaft sind wichtiger als das verantwortungslose Preisgeben von Wahrheiten. Manchmal muss die Wahrheit auch Höflichkeit und Moralvorstellungen weichen. Besonders in der Diplomatie und der Politik werden Wahrheiten verschlüsselt, verheimlicht oder euphemistisch verklebt.

Wie ratsam es ist, auch in der Politik die Wahrheit zu sagen, zeigen die Barschel-Affäre, der Fall Clinton-Lewinsky, der Guttenberg-Rücktritt und der Watergate-Skandal. Hier haben die Hauptdarsteller lange versucht, die Wahrheit zu verschleiern – und sie sind gescheitert. Immer gibt es Gegner der radikalen Wahrheit. In der Diplomatie ist das ungeschönt Wahre ohnedies verpönt, hier sind Staatsräson, Zurückhaltung und Verhandlungsgeschick gefragt. Aber trotz mancher Ausnahmen: Eine sinnvolle Kommunikation ist ohne Wahrheit – und das mit ihr verbundene Vertrauen – kaum möglich. Jeder Mensch kann zumindest einige wichtige Wahrheiten definieren und prüfen: die Wahrheiten seiner Gefühle.

Herzlich, Ihr

Matthias Michael, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Reputationsmanagement

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