Als erster deutscher Industriekonzern kündigt Bosch an, schon ab Ende nächsten Jahres dekarbonisiert zu sein. Die Firmenreputation könnte steigen, wenn die Verstrickungen in die Diesel-Abgas-Affäre von Volkswagen in den Hintergrund treten

Ab Ende 2020 will Bosch komplett klimaneutral agieren. Dieses Ziel kündigte Unternehmenschef Volkmar Denner am 9. Mai auf der Bilanzpressekonferenz an. Damit wäre Bosch der erste Industriekonzern in Deutschland, der schon so bald dekarbonisiert wirtschaftet. Andere Großunternehmen haben sich die Klimaneutralität ebenso auf die Fahnen geschrieben, allerdings erst für später.

Daimler will ab 2039 nur noch klimaneutrale Fahrzeuge bauen. Seine europäischen Werke sollen ab 2022 mit einem ausgeglichenen CO2-Fußabdruck arbeiten. Und auch die Zulieferer will man zu Kohlendioxid-Einsparungen verpflichten, sagte der künftige Vorstands-Chef Ola Källenius am 13. Mai.

Auch Oliver Bäte, der Chef der Allianz, setzt Akzente. Der Münchener Versicherungskonzern steigt aus der Kohle aus. Bäte hat festgelegt, dass sein Unternehmen keine Kohlekraftwerke und keinen Kohleabbau mehr versichert. So soll nicht mehr investiert werden in Unternehmen, die durch den Bau von Kohlekraftwerken das Ziel des Pariser Klimaabkommens von maximal zwei Grad Erderwärmung gefährden. Die Allianz will bis 2040 klimaneutral sein. Bäte sprach im Mai 2018 von einer „Neugestaltung der Wirtschaft“. Dazu gehöre, das „Kohlerisiko“ zu meiden. Die Allianz ist mit annähernd zwei Billionen Euro Investitionen einer der größten Kapitalanleger weltweit.

Siemens fasst für seine Klimaneutralität das Jahr 2030 ins Auge. Das wirkt, als habe man in München die Bedeutung des Themas zwar erkannt, gehe aber nicht so beherzt und konsequent vor wie der Rivale aus Stuttgart: 1:0 für Bosch.

Bosch-Manager Denner hat verstanden, wie wichtig die Anstrengungen für ein klimaneutrales Handeln sind. Aus mehreren Gründen: Erstens rechnen sich die Aktivitäten dahingehend langfristig, denn die entsprechenden Gesetze und Vorgaben werden ohnedies strenger. Zweitens erhofft sich das Unternehmen durch die Prozesse hin zum umweltfreundlichen und ressourcensparenden Produzieren neue Geschäftsideen und Beratungsmöglichkeiten für andere Industriefirmen. Drittens präsentiert sich Bosch damit als nachhaltigkeitsorientiertes Unternehmen und als vorbildlicher Technologieführer, der zwei Milliarden Euro in Umwelt- und Ressourcenschutz investiert, um klimaneutral produzieren zu können.

Diesen Reputationsgewinn kann Bosch gut gebrauchen. Denn zuletzt war das Unternehmen durch seine Verstrickungen in die Diesel-Abgas-Affäre ins Zwielicht geraten. Seit Jahren wird weltweit darüber berichtet. Immerhin handelt es sich hier um den größten Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der bedeutendste Konzern des Landes und seine Töchter und womöglich auch Wettbewerber aus der deutschen Schlüsselindustrie sind betroffen.

Volkswagen, Nummer Eins der weltweiten Automobilhersteller, hat der Betrug bereits mehr als 28 Milliarden Euro gekostet, vor allem für die Beendigung von juristischen Verfahren in den USA. Mehrere deutsche Staatsanwaltschaften ermitteln gegen leitende Beschäftigte, darunter Ex-Vorstände. Einige VW-Führungskräfte sitzen in Gefängnissen und kooperieren zumeist mit den Ermittlern.

Nachdem der Deutsche Bundestag im Sommer 2018 die Möglichkeit der Musterfeststellungsklage per Gesetz geschaffen hatte, haben die Verbraucherzentralen und der ADAC im November 2018 eine solche Klage gegen VW eingereicht. Bis März 2019 waren nach Angaben des Bundesverbands der Verbraucherzentralen bereits 400.000 Anmeldungen von VW-, Audi-, Skoda- und Seat-Kunden dafür eingegangen. Auch der Rechtsdienstleister MyRight hat für rund 19.000 VW-Kunden beim Landgericht Braunschweig gegen Volkswagen geklagt. Und sogar die baden-württembergische Landesregierung, die in zahlreichen Fuhrparks Fahrzeuge des VW-Konzerns betreibt, hat wegen „vorsätzlich sittenwidriger Schädigung“ Schadensersatzklage eingereicht.

Medienberichten vom Februar 2019 zufolge prüft Volkswagen eine Schadensersatzforderung gegen Bosch, die sich auf bis zu einer Milliarde Euro summieren könne. Der Lieferant trage eine Mitverantwortung, so verlautete aus Wolfsburg.

Bosch hatte einen Teil der Motorsteuerung geliefert, mit der Volkswagen den Stickstoffausstoß von Dieselmotoren manipulierte. Mittels dieser „Abschalteinrichtung“ hielten die Autos die Grenzwerte auf dem Prüfstand ein, wogegen sie auf der Straße weit höhere Schadstoffe ausstießen. Bosch hatte nach Bekanntwerden des Skandals zugegeben, die Komponenten der Abgasbehandlung geliefert zu haben. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt deshalb gegen Mitarbeiter der Robert Bosch GmbH. Über eine mögliche Klage von VW gegen Bosch hieß es aus Stuttgart lapidar, man könne sich so etwas „nicht vorstellen“.

Wie man in einem Konzern einen solch großen Betrug planen und beauftragen kann, von dem im eigenen Unternehmen und bei Lieferanten Dutzende Menschen gewusst haben müssen, bleibt unverständlich und unfassbar. Denn mit kriminellen Aktivitäten machen sich Unternehmen erpressbar. Und wenn im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung mehr als drei Menschen eine brisante Information besitzen, wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch bekannt werden – früher oder später.

Als Folge seiner Salamitaktik hat VW die Deutungshoheit über Dieselgate abgegeben

Eine Organisation, die jahrelang wegen Ermittlungen, Zeugenaussagen, Anklagen, Gerichtsverhandlungen, Urteilen und Inhaftierungen im Licht der Medien und der Öffentlichkeit steht, muss sich etwas Grundlegendes einfallen lassen, um das Vertrauen ihrer Anspruchsgruppen als seriöser, geläuterter und integrer Partner zu wahren.

Die CO2-Initiative kann für Bosch ein wichtiger Meilenstein einer langfristigen Reputationsstrategie sein. Ein schneller Abschluss aller Verhandlungen in Sachen Dieselgate wäre ein zweiter. Hier wird sich Bosch womöglich großzügig zeigen müssen, um einen baldigen juristischen Schlussstrich zu erreichen.

Die reputationsschädliche Salamitaktik von Volkswagen im Umgang mit der Abgasaffäre kann Bosch als schlechtes Beispiel dienen. Die Wolfsburger haben sich nach übereinstimmender Meinung vieler Experten bei der Aufklärung des Diesel-Skandals bislang nicht mit Ruhm bekleckert, sondern gemauert und gezimmert, damit keine Details ans Licht kommen. Transparenz, Demut, Kulturwandel, ökologische Wiedergutmachung und Ausgleich der Geschädigten sehen anders aus.

Die Deutungshoheit über die Vorkommnisse hat VW aus der Hand gegeben und Raum geschaffen für Gerüchte und Spekulationen. Der herumdrucksende und peinliche Umgang mit dem eigenen Manipulieren, Lügen und Betrügen hat den Eindruck entstehen lassen, das Unternehmen werde noch immer geprägt durch strukturelle Führungs- und Kulturmängel.

Hier hat sich offenbar eine Konzernlogik Bahn gebrochen, die vor allem Rücksicht nimmt auf kurzfristige monetäre Interessen von Gesellschaftern und nicht auf das langfristige Ansehen bzw. die nachhaltige Sicherung des Betriebs- und Anlagevermögens. Der bleibende Schaden – also die ramponierte Reputation des gesamten Konzerns mitsamt seiner Marken, Produkte, Leistungen, Menschen und seines Umgangs mit Beschäftigten, Kunden, Umwelt und Bevölkerung – wird in Wolfsburg offenbar unterschätzt. So lange die kurzfristigen Verkaufszahlen gut sind, mag man die „Diesel-Thematik“ – so der VW-Sprachgebrauch – wie fernes Marktgeschrei ignorieren können.

Immerhin setzt auch der VW-Vorstandsvorsitzende Herbert Diess inzwischen mit einer konsequenten und mithin mutigen Elektroantriebs-Initiative Akzente in Richtung Umstieg auf ein emissionsfreies Fahren. Aber gewiss noch einige Jahre lang wird Dieselgate die Öffentlichkeit in Europa (und in den weltweiten Medien) beschäftigen.

Damit Bosch ab Ende nächsten Jahres keinen CO2-Fußabdruck mehr hinterlässt, will das Unternehmen in seinen 400 weltweiten Standorten mehr Ökostrom zukaufen und die unvermeidbaren Kohlenstoffdioxid-Emissionen mit Kompensationsmaßnahmen ausgleichen. Das können beispielsweise Aufforstungs- und Waldschutzaktivitäten sein.

CO2-Kompensation ist immer nur die zweitbeste Möglichkeit

Wenn CO2-Emissionen in der Produktion eines Unternehmens nicht vermieden werden können, ist eine Dekarbonisierung grundsätzlich möglich durch eine technische oder eine biotische Kompensation. Der technische Ausgleich wird erzielt durch eine Emissionsvermeidung an einem anderen Ort, z.B. durch eine dortige Umstellung auf erneuerbare Energie. Die biotische beinhaltet zumeist die Investition in die Aufforstung eines Waldes.

Kompensieren allerdings ist immer nur die zweitbeste Möglichkeit. Grundsätzlich sollten Unternehmen versuchen, CO2-Emissionen zu vermeiden. Geprüft und bestätigt werden die Einsparungen von unterschiedlichen Zertifizierungsgesellschaften.

Selbst die Luftfahrt hat verstanden, dass sie ihren CO2-Ausstoß sehr bald sehr stark senken müssen wird. Die Iata, der internationale Dachverband der Fluggesellschaften, ging 2017 davon aus, dass sich das weltweite Flugverkehrsaufkommen binnen 20 Jahren verdoppeln wird. Das wäre bei der jetzigen Schadstoffbilanz pro Flugkilometer und Passagier wohl nicht mehr zu verantworten. Heute verbraucht ein Passagier durchschnittlich noch mehr als 3,5 Liter Kerosin auf eine Strecke von 100 Kilometern. Die Fliegerei ist für die Passagiere auch deshalb weiter vergleichsweise preisgünstig, weil Kerosin zumeist nicht besteuert wird.

Einig sind sich Industrie und Gesetzgeber, dass die Spritverbräuche der Flugzeugtriebwerke erheblich verringert werden müssen. Und mittelfristig sollten die Maschinen mit Energie aus regenerativen Quellen fliegen.

Schon 2009 erforschte das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart die Motive, warum deutsche Unternehmen klimaneutral werden wollen, welche Kosten dadurch betriebsintern verursacht werden und welche Maßnahmen sich als zielführend erweisen. 28 Unternehmen stellten sich den Fragen. Ergebnis: „Die größte Motivation für ein Unternehmen, in Teilen oder im Ganzen klimaneutral zu arbeiten, besteht darin, die Unternehmensphilosophie umzusetzen, das Image allgemein zu verbessern und strategische Ziele hinsichtlich der Corporate Social Responsibility zu erreichen“, heißt es in der nicht repräsentativen Studie. 63 Prozent der Unternehmen hatten weniger als 51 Beschäftigte.

Klimaneutrale Unternehmen preisen ihre Philosophie und steigern ihr Ansehen

Als Auswirkungen ließen sich bei den teilnehmenden Unternehmen die Imagesteigerung, vor allem durch positive Berichterstattung, aber auch die Verbesserung der Mitarbeiter-Identifikation sowie eine gestiegene Arbeitsmotivation feststellen. Mehr Neugeschäft und zufriedenere Kunden wurden damals ebenfalls zu mehr als 40 Prozent genannt. Nur jedes fünfte dieser eher kleineren Unternehmen gab mehr als 50.000 Euro für die Maßnahmen aus.

Kompensationszertifikate werden von manchen Umweltschützern als „Ablasshandel“ gescholten. Viele dieser Bescheinigungen können bei genauer Betrachtung die Neutralisierung der angegebenen CO2-Mengen nur unvollständig gewährleisten, manche nur rudimentär. Hier ist Vorsicht geboten. Zertifikate von wenig seriösen Organisationen sind ungeeignet, um eine umweltfreundliche Firmenphilosophie glaubwürdig nachzuweisen. Wirklich vertrauensbildend agieren Unternehmen dann, wenn auch ihre hergestellten Waren und Artikel mit einer Klima- oder Umweltverbesserung gegenüber den Vorgängerprodukten einhergehen.

Karsten Smid, Greenpeace, wertete die Initiative von Bosch als halbherzig, so lange man nicht aus der Produktion von Verbrennermotoren aussteige. Das wäre allerdings eine andere Dimension, denn immerhin handelt es sich bei Bosch um den weltgrößten Automobilzulieferer.

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