Verdoppelte Realität: Fernsehen ist der Deutschen liebste Freizeitbeschäftigung.

 

Erstes Kapitel des Essaybandes Anmerkungen zum Fernsehen, erschienen 2019 (Amazon, ISBN: 9781726699624), von Matthias Michael

 

„Den klarsten Einblick in eine Kultur gewinnt man, indem man ihre Werkzeuge zum kommunikativen Austausch untersucht.“ Neil Postman

 

Seit 1984 senden öffentlich-rechtliche und private Fernsehprogramme in Deutschland im Wettbewerb. Die Droge aus der Steckdose hat die Menschen in dieser Zeit beglückt, entpolitisiert und verdummt. Einst war sie die Speerspitze der Modernisierung. Und heute?

Das Fernsehen prägt unsere gesamte Kultur wie nichts sonst. Wie das Leitmedium die Welt zeigt, das wird zum Maßstab für das Bild der Welt von sich selbst. So betreibt die Bilderkanone Marketing und Merchandising für die herrschende politische Gesinnung und Wirtschaftsform. In den 1960er und 1970er Jahren hatte das Fernsehen noch die neuen sozialen Bewegungen befördert und dabei geholfen, die Gesellschaft zu entwickeln. Die Sender hatten den Anspruch, unabhängig zu sein von Parteien und von der Industrie. Der politisierte öffentlich-rechtliche Rundfunk zählte zur Avantgarde der Modernisierung.

Tempi passati: Inzwischen symbolisiert das Fernsehen Restauration. Die Privatkanäle bieten eine Mischung aus Quatsch, Rot- und Blaulicht sowie Freakshow, während die Gebührensender ihren wachsenden Bedeutungsverlust verwalten und sich an den Erfolgen der kommerziellen nach unten orientieren. Dabei hoffen sie, dass ihnen das Bundesverfassungsgericht und die Ministerpräsidenten noch lange eine Bestands- und Entwicklungsgarantie einräumen. Entsprechend harmlos und bieder sind ihre Sendungen und Inhalte.

Was früher undenkbar schien, ist heute Wirklichkeit und wird nicht mehr als mediales Absurdistan erkannt: dass Shows Menschen dazu zwingen, den Kopf in einen Kasten mit Kakerlaken zu stecken oder sich in Fäkalien zu wälzen, dass Fernsehsender sich darin überbieten, dreistellige Millionen-Euro-Beträge auszugeben für die Übertragungsrechte von Sportereignissen, dass den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland mehr als acht Milliarden Euro jährlich an Einnahmen zufließen, dass fröhlich-anspruchslose TV-Moderatoren zweistellige Millionenhonorare erhalten (sowohl von privaten als auch von öffentlich-rechtlichen Kanälen), dass die Gebührensender sich ohne Not dem Quotenwettlauf der privaten anschließen und ihre Vollprogramme zunehmend nach den Unterhaltungsansprüchen der kommerziellen Konkurrenz ausrichten, dass nicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland die Politik kontrolliert, sondern die Rollen vertauscht sind und die politischen Parteien die Sender kontrollieren undsoweiter. Die Welt der Medien spielt verrückt, und die darin dargestellte irre digitale Gegenwelt wird zunehmend zum Maßstab für die echte.

Sollte Fernsehen verstören, zum Nachdenken anregen, Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten analysieren und dramatisieren? Oder sollte es dafür sorgen, dass alles beim Alten bleibt, die Menschen sich königlich unterhalten fühlen und mit einem guten Gefühl das Licht ausmachen? Welche Rolle kommt hier den Gebührenanstalten zu? Dürfen wir eklige Krüppel sehen? Psychisch kranke Hauptdarsteller? Oder nur uniformierte Schiffskapitäne, Oberförster und Chefärzte, weil das die Deutschen angeblich so mögen? Wir erleben eine Inflation der dummen Inhalte, eine Mario-Barthisierung der Gesellschaft und eine „Zwangskollektivierung ihrer Aufmerksamkeit“ (Peter Sloterdijk) durch Fernsehen und Internet. Aus Argumenten machen die beiden audio-visuellen Medien Internet und Fernsehen Meinungen und aus Meinungen Geschmack. Der Anschein geht vor der Reflexion. Zivilisatorische Werte werden sanktioniert. Längst richtet sich der öffentliche Diskurs nach den Unterhaltungsansprüchen des Fernsehens. Die Menschen in Deutschland sind in Folge der Dualisierung aus öffentlich-rechtlichem und Privatfernsehen zunehmend betäubt und isoliert. Das Programm schafft eine Ersatzgemeinschaft und berauscht mit einer Art von ätherischer Realität, die uns verwirrt. Wir gewöhnen uns an die trivialen Inhalte, an den süßen Genuss des weichen Suchtstoffs und wollen nicht mehr ohne ihn sein. Die bewegten Bilder sind so wahr wie die Wirklichkeit – und sie verdoppeln sie. Die Medienrealität tritt neben die echte. Die Zuschauer merken nicht, wie die Einstellungen gezielt ausgewählt, zusammengestellt und betextet worden sind, wie sie zu einer Aussage komponiert wurden. Die Beiträge erwecken den Eindruck, tatsächliches Geschehen zu dokumentieren und mithin „objektiv“ wiederzugeben. Ein Trugschluss. Um es mit dem Soziologen Niklas Luhmann zu sagen: „Verstehen ist praktisch immer ein Missverstehen ohne Verstehen des Miss.“ Worten kann leicht widersprochen werden, Bildern nicht. Wer einmal vom Fernsehen angetrunken gezeigt worden ist, der gilt als Säufer, wer sich einmal nicht korrekt verhalten hat in einem Interview, wird als Exzentriker, Ziege oder Diva gebrandmarkt, einem Unternehmen, das sich einmal einen Fehler erlaubt hat, glaubt man nicht mehr; es wird als unzuverlässig wahrgenommen. Die gesamte westliche Kultur ist durchdrungen von Bildern. Die Bilder erinnern uns an das Leben. W.J.T. Mitchell, Professor für Kunstgeschichte an der Universität von Chicago, hat den „pictorical turn“ geprägt, der bisweilen auch als „iconic“ oder „visual turn“ beschrieben wird. Dieser Wandel von der textsprachlichen zur bildsprachlichen Wissens- und Kulturvermittlung sei so gewaltig, dass er alle bisherigen Wendemarken in der Kulturgeschichte der Menschheit in den Schatten stelle. Wir leben in der Ära des Visuellen. Auch der Philosoph Martin Heidegger konstatierte, die Welt sei für uns Heutigen zu einem Bild geworden. Wir erzeugen sonach die Welt nur, wir spiegeln uns in den Bildern, die wir von ihr haben. Der visuelle Ausdruck hat das Wort als Darstellungsmittel von Kultur verdrängt. Bilder haben die Macht, Menschen zu überzeugen, sie zum Konsumieren anzuregen, zu manipulieren und hinters Licht zu führen. In der Ära der Digitalisierung von Kommunikation lassen sie sich ebenso leicht kopieren und verbreiten wie Wörter. Aber sie wirken menschenähnlicher und vitaler. Bilder sind hergestellte Produkte, nicht die Natur. Sie enthalten allenfalls Spuren der Wirklichkeit.

Die Bilderkonsumenten sind beständig auf der Pirsch nach nie Gesehenem, sie suchen Seh-Attraktionen und unvorstellbare Seh-Welten, die der Realität weit entrückt sind, aber so echt erscheinen, als könnten wir Menschen sie auch in Wahrheit erleben. Bilder wecken Begehren, das Fernsehen ist der Begehrensapparat. Die Schrift hat eine Aura des Kulturellen und Anspruchsvollen, das Bild einen Ruf des Trivialen und Anspruchslosen. Für den amerikanischen Medienwissenschaftler Neil Postman hat das Bild „die Welt als Gegenstand präsentiert, während die Sprache sie als Idee präsentiert“. Worte wirken wie Theorie, Bilder wie Wahrheit. Warum ist das Bildmedium Fernsehen so erfolgreich? Warum lieben es alle? – Weil jeder sich über den jeweils anderen erheben kann. Der Moderator findet sein Publikum dumm. Die Politiker versuchen, die Journalisten nicht ernst zu nehmen. Die Zuschauer sind enttäuscht von den Phrasen, Luftblasen und Fensterreden der Politiker. Für die werbetreibende Industrie ist das dumme Medium lediglich Mittel zum Zweck, um ihre Marken und Botschaften in die Hirne der Menschen zu pflanzen. So können sich die Armen über die Reichen im TV amüsieren, die Ökos verfolgen Fomel-1-Rennen, Vegetarier erregen sich über Bruzzler-Werbung mit Olli Kahn, Ängstliche sehen sich, leicht masochistisch, die nachgestellten Kriminalfälle bei Aktenzeichen XY ungelöst an, als wäre das Fernsehen – wie die Werbung – nicht von dieser Welt. Das TV-Programm bietet also jedem die Möglichkeit, sich mit Dümmeren, Erfolgloseren und Unglücklicheren zu vergleichen und sich dabei herrlich gut zu fühlen. Es ist das Universum des kleinen Mannes, das Medium gegen die akademische Elite – ähnlich wie die Bildzeitung bei den Druckerzeugnissen; und dabei ist es ebenso unterhaltsam, boulevardesk, zynisch, kaltherzig und frivol. Beide nutzen die gleichen Methoden: Personalisierung, Emotionalisierung, Skandalisierung, Hysterisierung, Intimisierung, Visualisierung, Vereinfachung, Verurteilung. Man kann die kleinen Abscheulichkeiten des Alltags erleben, ohne sich dafür schämen oder rechtfertigen zu müssen. Auch das große Elend wird geboten – ebenfalls mit der Möglichkeit des Rückzugs und der Empormenschlichung. All das bedarf keiner Anstrengung, keiner geistigen Regung – es geschieht, ohne dass der Fernsehende es will und spürt. Dabei ist jeder Zuschauer potenziell auch ein Voyeur. Der ehemalige US-amerikanische Werbemanager Jerry Mander konstatiert: „Wir werden zum Einsiedler in der Höhle, der nur das weiß, was ihm das Fernsehen zu sehen gibt. Wir erfahren, was kommt, und wissen nicht, was nicht kommt. Die Menschen, die über das Fernsehen verfügen, werden zu den Choreographen unserer inneren Bewusstheit.“ Durch den steten Gebrauch des Unterhaltungsfernsehens, garniert mit der Boulevardpresse und den Klatschmagazinen, verlieren die Menschen womöglich à la longue ihre Maßstäbe für guten Geschmack, Menschenwürde und kulturelle Übereinkommen. „Wo und wie können wir lernen, zwischen der ersten und der zweiten Wirklichkeit zu unterscheiden, nur zum Beispiel, ob die Bilder von einem Krieg magere Ausbeute unermüdlicher Reporter oder propagandistisches Blendwerk sind? Und schlimmer noch: Würden wir auf solche Bilder noch verzichten können, selbst wenn wir wüssten, dass sie ‚gefälscht‘ sind?“ fragen die Soziologen Markus Metz und Georg Seeßlen in ihrem Buch „Blödmaschinen“.

Die anglo-amerikanischen Unterhaltungsmuster haben sich weltweit durchgesetzt; sie sind in ihrer debilen Trivialität universell verständlich. Darüber muss sich niemand wundern, der sich die gruseligen Inhalte ansieht: Vulgärshows, bizarre Menschenhaltungsformate, Softpornos, Geballer und Gewalt, voyeuristisches Reality-TV, Endlos-Talk, Klatsch, Häme und abgeschmackte Witze. Eigentlich sollten wenigstens die öffentlich-rechtlichen Sender noch unterscheiden zwischen interest of the public, dem Zuschauerinteresse, das sich in Einschaltquoten messen lässt, und dem public interest, dem Interesse der Gesellschaft am Gemeinwohl, an Werten der Aufklärung… Tun sie’s?

Das Programm erzeugt Gefühle und ersetzt die Urteilskraft. Die schnelle Folge von Einstellungen wirkt affektiv-emotional, nicht analytisch-bildend. So wie die Welt die Bilder generiert, so generieren die Bilder die Welt. Der Berliner Politikprofessor Bernd Guggenberger meint: „Es ist mehr als nur unpräzise zu sagen, wir konsumierten Fernsehbilder. Es ist genau umgekehrt, die Bilder konsumieren uns – unsere Zeit und unsere Tatkraft. Diesem Vampirismus der Bilder, die nur leben, wenn jemand leblos vor ihnen sitzt und sich ihnen ausliefert, begegnen wir erst im Fernsehzeitalter.“ Umso wichtiger ist das Selbstverständnis der Programmmacher. Wer das Medium nur dazu einsetzen will, den Leuten in ihren Wohnzimmern Bier, Bratpfannen und Büstenhalter zu verkaufen, ist sich seiner Verantwortung nicht bewusst. Denn die Programm-Manager in den Sendern stellen Öffentlichkeit her, sie bestimmen den gesellschaftlichen Diskurs, sie setzen die Themen, über die die Bürger nachdenken, für die sie sich einsetzen und streiten.

Wenn sich die Bürger nur noch über Kandidaten von Casting-Shows, über die Affären von TV-Moderatoren und die gelifteten Wangen von Möchte-gern-Celebrity-Queens unterhalten, sind sie abgelenkt von relevanten Themen. Dieses System hat im alten Rom funktioniert und in allen Diktaturen der Welt: Die Menschen brauchen Entspannung, Amüsement, Zerstreuung, um zu flüchten vom harten Alltag, von der Arbeit und den Sorgen. Fernsehen ist da perfekt: Man kann davorsitzen und lachen, weinen, schreien, tanzen, singen, sich ängstigen und triumphieren. Oder stieren. Oder schlafen. Allein oder gemeinsam. Mit der Zeit stellt sich beim Betrachter ein wohliges Gefühl des Bescheidwissens in der Welt ein (obwohl das Gegenteil der Fall ist). Der Kasten nimmt nichts übel und ist ein treuer Begleiter durch die beste Zeit des Lebens: die Freizeit. Aber die Kultur ist auf der Seite der Bücher.

Die Kritik der Psychologen, Moralisten, Pädagogen und Kulturpessimisten bezeugt die Totalität der Maschine. Das Fernsehen hat die Macht, Hypes zu generieren. Das ist immer dann der Fall, wenn so viel über einen Programminhalt gesprochen wird, dass er – so unbedeutend im Sinne der klassischen Nachrichtenfaktoren er auch sein mag – dadurch im Bewusstsein der Menschen bedeutsam wird. Das geschieht mitunter durch eine ständige Wiederholung der entsprechenden Bilder auf allen Kanälen einer Sendergruppe. Auf diese Weise wird wahr, was oft genug wiederholt worden ist. Die Inflation der dummen Inhalte bedingt auch die Sanktionierung der Intelligenz und die Stigmatisierung der zivilisatorischen Werte.

Wie verhalten sich in dieser Gemengelage ARD und ZDF, die hehren Sender, die der Allgemeinheit gehören? Sind sie ein kulturelles Korrektiv? – Leider nein, sie tragen zur Trivialisierung und Bestätigung des Massengeschmacks bei. Da stehen Gundula Gause, Babette von Kienlin und Barbara Hahlweg so brav und angepasst vor der Kamera und machen Programme für pensionierte Beamte, die die Kiste als Hintergrundrauschen laufen lassen. Aber das eigentliche Problem sind diejenigen hinter der Kamera: Programmverantwortliche, die sich keiner Kultur und keinem Anspruch verpflichtet fühlen. Keine Spur von Avantgarde, von Mut, von Weitblick, Modernität, Ambition oder Weltläufigkeit. Die Quote ist ihnen wichtiger als die Idee. Hauptsache, viele lassen laufen. Sie wollen den schnellen Zuspruch der Anspruchslosen. Ob man über ihre Filme und Serien spricht: nachrangig. Also am liebsten Märchenstunde. Mit der guten alten Kommissarin und dem bösen Verbrecher. Alles so gefällig wie beliebig. Keine Grauwerte. International bestimmen heute globale Erfolgsproduktionen wie beispielsweise Breaking Bad, Borgen, Homeland, House of Cards, The Newsroom, Better call Saul Sehgewohnheiten und kulturelle Prägungen von Gesellschaften mit. Auch wirtschaftliche Strategien und Vertriebskooperationen werden von solchen Qualitätssendungen beeinflusst. Aber die muffigen und mutlosen deutschen Großsender ARD und ZDF sind noch woanders, wie der originelle Drehbuchautor Günter Schütter in der Süddeutschen Zeitung diagnostiziert: „Clare Danes in ‚Homeland‘, als psychisch kranke CIA-Agentin, wäre hier undenkbar. Wenn Behinderte im deutschen Fernsehen auftreten, muss ihnen geholfen werden, gesunde Menschenbilder. Fernsehen, das bestätigt. Fernsehen, das nicht verstört. Wenn verstört wird, etwa durch die zahllosen Leichen von 20.15 Uhr an, muss sofort aufgeräumt werden.“ Auch die Moderatoren symbolisieren den Niveauverlust: Herr Pilawa, der Showmaster im öffentlich-rechtlichen Programm, muss weder witzig noch kritisch, weder spontan noch intelligent sein, um abwechselnd beim Ersten und beim Zweiten alles wegsenden zu können und deshalb als Star gepriesen zu werden. Brav und nett, mitunter hölzern und gespreizt, allemal aber sehr durchschnittlich kommt er daher, der Tribun der Öffentlich-Rechtlichen. Er macht Quiz mit Normalbürgern, Ratespaß mit B-, C-, D-Prominenten, Talkshow, Event-Berichterstattung und alles, was die Gebührenanstalten für unterhaltsam halten. Hübsch angezogen und immer gut gelaunt, repräsentiert er das sendende Mittelmaß des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Der Pilawa-Sender – welcher war’s noch gleich? Egal. Austauschbar. Der akkurate Lächelboy folgte Johannes Kerner, der genauso alert, ehrgeizig und durchsetzungsstark gewesen ist. Pilawa wirkt weder elitär wie Kulenkampff noch hintergründig wie Carrell, was ihn offenbar zusätzlich qualifiziert in diesen geistlosen Zeiten. Dass die Möchtegern-Jauchs dem Quiz-Original in keiner Weise das Wasser reichen können, ist bei den braven Intendanten von ARD und ZDF entweder nicht bemerkt worden oder die Dauerpräsenz der schlechten Kopien kennzeichnet die Verzweiflung der Verantwortlichen über die fehlende Alternative.

Immerhin gelten ARD und ZDF nach wie vor als diejenigen Sender mit den besten zeitkritischen Magazinen. Wobei die kommerziellen Kanäle ihre Magazinsendungen ebenfalls rasant ausgeweitet haben; sie bieten vielen Zielgruppen eigene kleinteilige Informationsprogramme. Aus dem Gesamtangebot leuchten wenige öffentlich-rechtliche Sendungen und Programmplätze hervor. Sowohl Magazine als auch Reportagen und Dokumentationen liefern manchmal eine Qualität, wie sie sich die Kritiker wünschen. Diese Programminhalte zeigen die phantastischen Möglichkeiten des Fernsehens auf. Das Medium kann viel mehr darstellen als Radio oder Druckmedien es vermögen – es kann die Wirklichkeit zeigen, wie sie ist, ungeschminkt, krude, poetisch. Selbst Ironie kann sich das TV zu eigen machen wie kein anderes Medium. In den Druckmedien werden ironische Texte oft nicht verstanden, auch das Radio hat damit seine Schwierigkeiten. Beim Fernsehen hingegen muss der Autor lediglich das Gegenteil von dem texten, was er in seinen Einstellungen zeigt – schon kann eine satirische Nuance entstehen, ein Apercu, der die kritische Distanz zwischen Berichterstatter und Objekt offenlegt. Diese feinen Stücke liefern Hintergründe und Analysen in dem großen Misthaufen namens Fernsehangebot.

Aber die inhaltlich Verantwortlichen haben die Kultur fast ausnahmslos aus den Vollprogrammen in die Nischensender verschoben. Sie huldigen der Quote, verflachen das Programm und biedern sich verängstigt dem angenommenen Massengeschmack an. „Der eigentliche Skandal ist der Banalisierungsschub, von dem ARD und ZDF heimgesucht werden, ihre tief empfundene Neigung zu Selbstverdünnung und Schamlosigkeit“, diagnostiziert der Zeit-Autor Thomas Assheuer. Entsprechend degeneriert ist seit Mitte der 1980er Jahre die Fernsehkultur in Deutschland. Roger Willlemsen, ehedem ein angesagter TV-Moderator und beliebter, weil unterhaltsamer Gast in diversen Talkshows, hat das Dilemma der Biederkeit und Harmlosigkeit schön zusammengefasst: „Es gibt unter Menschen die Lebenden und die Erloschenen. Die letzteren tun das Erwartbare, sagen das Erwartbare, überfordern keinen und fühlen sich wohl in Stereotypen. Die Lebenden dagegen sind unvorhersehbar, abrupt, anstrengend. In der Welt der Schaulust sind die Erloschenen eigentlich untragbar, denn sie langweilen, es gibt wenig an ihnen zu beobachten. Aber man kann mit ihnen Panelshows und öffentlich-rechtliche Partyspielchen aus den Siebzigern bestücken, also Primetime-Entertainment. Da schaden sie nicht, gefährden niemanden durch Originalität oder Spontaneität und sind rasch vergessen.“ Leider gibt es mehr als genug Erloschene im Programm von ARD und ZDF und gar so wenige Lebende.

Die privaten Stationen hatten ab 1984 keine Schwierigkeiten, jugendliches Publikum an sich zu binden. Entsprechend dramatisch entwickelten sich die Verluste von ARD und ZDF bei dieser Zuschauergruppe. Also widmeten sie sich der Frage, wie diese Erosion zu stoppen ist. Darauf haben sie offenkundig in dreieinhalb Jahrzehnten keine Antwort gefunden. Die so genannte Weizsäcker-Kommission befasste sich im Auftrag der Bundesregierung mit der Fernsehentwicklung und stellte 1995 in ihrem „Bericht zur Lage des Fernsehens“ fest: „Die Legitimation der Gebühren wird politisch an die Fähigkeit geknüpft, ein Massenpublikum zu erreichen und alle Bevölkerungsanteile mit angemessenen Programmen zu bedienen.“ Dieses Diktum vom „Massenpublikum“ haben die panischen Intendanten von ARD und ZDF mit ihrem Hang zur Selbstprivatisierung der Programme offenbar gründlich falsch verstanden. Denn zwanghaft versuchen sie, sich beim Zuschauerzuspruch mit den Kommerzkanälen zu messen, sie senden in den Vollprogrammen ausschließlich populistischen Einheitsbrei und setzen einzig auf große Namen und teure Ware – und hier vorzugsweise auf Show, Kino und Sport. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen begibt sich mithin auf das Niveau der Clever-Blöd-Sein-Konsumenten. Wer den Kleiderramsch kauft, den Boulevardreport liest, den prolligen Cheri-Cheri-Lady-Sänger toll und Geiz „geil“ findet, der soll sich bei ARD und ZDF wohl und unterhalten fühlen. Zuspruch statt Anspruch. Das ist die negative Dialektik der Gebühren-Anstalten. Wie Kleidung beim Discounter entmythologisiert wird, so wird Fernsehen inzwischen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern behandelt: ohne Versprechen, ohne Werte, ohne Intellekt. „Mir kommt das öffentlich-rechtliche Fernsehen manchmal so vor wie die Ritterheere zum ausgehenden Mittelalter. Die waren immer noch in Ritterrüstung, in Panzern, und man konnte sie im Grund überhaupt nicht angreifen. Nur: Sie konnten sich auch nicht bewegen“ – der das sagte, Alfred Biolek, ist ein Gewächs der ARD gewesen, er hatte nie woanders gesendet. Und er schrieb es 1984, gerade vor der Einführung des Dualen Rundfunksystems. Ein Grund für die existenzielle Krise von ARD und ZDF ist die seltsam unprofessionelle Personalauswahl. Kaum ein Wirtschaftsführer wechselt ins öffentlich-rechtliche Rundfunksystem. Vielmehr macht man bei ARD und ZDF Karriere durch Sitzenbleiben: Wer lange genug dabei ist, bei den einflussreichen Kreisen in den Hierarchien und Gremien netzwerkt und das jeweils nach Proporzgesichtspunkten gerade benötigte schwarze oder rote Parteibuch besitzt, der wird unwillkürlich nach oben gespült. Um seinen Job braucht sich sowieso niemand Gedanken zu machen, schließlich werden feste Stellen bei ARD und ZDF üblicherweise nicht gestrichen, sondern allenfalls umgelagert. Da es im Vier-Jahres-Rhythmus fast immer mehr Geld gibt und durch die Einführung der euphemistisch „Haushaltsabgabe“ genannten ARD-ZDF-Quasisteuer nochmals mehr Geld in die Kassen fließt, sind die Jobs in aller Regel sicher wie ein technisch hochgerüsteter Geldtransport. Und die üppigen Pensionen sind es auch. Wer sollte das System also verlassen, wenn er einmal sicher dabei ist? Andererseits: Welcher erfolgreiche Manager würde schon von außen dazu kommen, um sich von einer verantwortungsvollen Position in der Wirtschaft in diesen bürokratischen, von Beamtenmentalität geprägten Parteiensumpf zu begeben, wo nicht Leistung zählt, sondern es auf Beziehungen, Sitzfleisch, Pfründesicherung und politische Zugehörigkeit ankommt? Das System lebt von den eigenen personellen Züchtungen, von Leuten also, die noch nicht viel Berufsalltag außerhalb der Anstalt erlebt haben. Diese Personalpolitik fördert nicht eben den Mut, neues und besonderes Programm zu wagen. Im Gegenteil: Die anspruchsvolleren Inhalte, die schwierigeren Themen, die nicht ganz so po-pulären Produktionen werden entweder nicht angepackt oder, wie beschrieben, auf den Spartenkanälen versteckt (die nur von einer Bildungs- und Kultur-Elite rezipiert werden). Was im Vollprogramm läuft, ist Mainstream, populistischer Durchschnitt und dokumentiert die Angstkonkurrenz der Öffentlich-Rechtlichen.

Für Experimente in Form von wertvollen zeitgeschichtlichen Aufregerfilmen war in den 1970er Jahren die Fernsehlegende Wolfgang Menge zuständig. Seine Filme Smog, Die Dubrow-Krise oder Das Millionenspiel wären heute leider gewiss nicht mehr möglich in der Hauptsendezeit von ARD oder ZDF. Solche anspruchsvollen Versuche wären den Intendanten zu riskant. Bei den Granden in den Anstalten fehlen die Chuzpe, das Vertrauen zur Qualität und die Zuversicht, dass Zuschauer nicht in Dummheit sterben wollen. Menge hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland über Jahrzehnte hinweg mit anspruchsvollen, satirischen, komödiantischen und visionären Produktionen bereichert. Er war ein Symbol für bestes Fernsehen, ein Fernsehen, das Millionen unterhaltsam und informativ zum kritischen Reflektieren einlud und zu Recht Geld kostete. 2007 diagnostizierte der damals 82-jährige Menge in der Welt: „Wenn sie heute um 20.15 Uhr das Fernsehen anschalten, sehen sie nur dummes Zeug. Ich rede nicht von den Privatsendern. Kommerzielles Fernsehen muss Quote machen, um zu überleben. Bei den Öffentlich-Rechtlichen aber fehlt bis Mitternacht Qualität. Erst dann lohnt es sich, wach zu werden.“ Menge beschreibt hier ein Problem, das die Gebührensender nicht angehen: Durch die zunehmende Verspartung und Segmentierung der TV-Kanäle ist es kaum noch möglich, ein Programm für alle zu machen. Die Sender entwickeln sich gleichsam vom Broadcasting zum Narrowcasting. Ein solches Angebot muss zunehmend abgelehnt werden, wenn die Zuschauer ihre Interessen mehr und mehr in den auf sie zugeschnittenen Kanälen finden und mithin den alten öffentlich-rechtlichen Sendern den Rücken kehren. Kurzum: ARD und ZDF sollten sich von der Idee verabschieden, sie könnten mit flachen Inhalten und sich anbiedernden Moderatoren die Mehrheit mit ihrem nivellierten Massengeschmack an sich binden.

Früher waren die Sendefrequenzen ein knappes Gut, heute herrscht Knappheit an wertigen Inhalten für die vielen Programme. Kann sich der Gebührenrundfunk selbst retten? Sind die Verantwortlichen in der Lage, eine Wende zu machen – weg vom Kopieren der Privatsender, hin zum Anspruchsfernsehen nach dem Vorbild der BBC? Auch der britische Gebührenfunk hat sich dieser schwierigen Frage stellen müssen, als im Königreich das Privatfernsehen zugelassen wurde. Die werbefreie BBC hat auf ihre Tugenden gesetzt, auf Qualität, Anspruch und Information. Sie hat die Herausforderungen erfolgreich angenommen und wird weltweit als bestes Fernsehen gepriesen. Obwohl sie deutlich weniger Gebühreneinnahmen als ihr deutsches Pendant erhält.

Aber was ist Qualität? Und was ist der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender? Man sollte auch ihre Programme gut gelaunt genießen und sich dabei sogar erholen können. Aber im Unterschied zu den Kommerzkanälen sollten sie sehr ausführlich über relevante Ereignisse berichten, diese kommentieren und einordnen, sie sollten Beiträge über Kunst, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Geistesleben bringen und Ratgebersendungen gestalten, sie sollten beitragen, die Politik zu kontrollieren, Missstände anzuprangern und sich für die Schwachen stark machen. Alles das tun die privaten Kanäle sehr rudimentär, weil sie es nicht müssen, weil es ihren kommerziellen Interessen widerspricht und weil es weder die Intendanten noch die Politiker noch das Publikum von ihnen erwarten. Die Gebührensender indes kultivieren in den Vollprogrammen seit vielen Jahren ein so teures wie einfalls- und anspruchsloses „Intendantenfernsehen“. So hat das treffend der ehemalige WDR-Programmchef Günther Rohrbach genannt: „Intendantenfernsehen zeichnet sich durch die Einfachheit und Klarheit der Ideen aus. Intendantenideen lassen sich in aller Regel mit einem Wort markieren: Jauch, Kerner, Pilawa, Illner, Will, Lanz, Plasberg, Maischberger, Fußball-Bundesliga, Champions League, Olympia, Skispringen, Gottschalk. Man braucht dazu keine Kenntnisse, die über das hinausgehen, was einem normalen Programmbeobachter auch einfallen könnte. Man braucht nur Geld, nicht selten ziemlich viel Geld.“ So liegt ein gewichtiger Teil des Problems des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bei seinen Befehlshabern, den allmächtigen Intendanten der neun ARD-Anstalten und des ZDF. Sie haben die Hoheit über die Programme mehr und mehr an sich gerissen – vermutlich aus der unsinnigen Sorge, im Kampf um Marktanteile nicht mithalten zu können (was sie aber auch gar nicht müssten). Ihr Intendantenfernsehen ist so bewusst lieblos gestaltet wie ein Discounter.

Ein Problem für die Legitimation der Intendanten ist ihre Wahl. Jeder weiß inzwischen, dass die leitenden Positionen in einem öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland unter den zwei parteipolitischen Lagern ausgeklüngelt werden. Sie werden also von den politischen Mehrheiten bestimmt wie ihre Ministerpräsidenten. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die Intendanten geben keine Regierungserklärung ab. Sie setzen sich und ihren Anstalten keine Ziele, an denen man sie messen könnte. Sie tragen nicht vor, was sie ändern wollen, wohin sie ihre Sender steuern, zu was sie sich verpflichtet fühlen, welches Publikum sie ansprechen wollen. Sie regieren im Stillen. Eine erkennbare öffentliche oder politische Kontrolle fehlt, wie der frühere WDR-Redakteur Ernst Klinnert an einem Beispiel verdeutlicht: „Der ehemalige Programmdirektor Werner Höfer hatte für sein neu eröffnetes Drittes Fernsehprogramm im WDR ein klares Konzept. Er wollte ein Boutiquen-Programm senden und scheute sich nicht, in der ‚Zeit‘ ein ‚Plädoyer für den Unerfolg‘ zu halten. Diese Konzeption ist heute revidiert, aber sie konnte eben nur revidiert werden, weil sie vorher erklärt war, weil sie Werte gesetzt hatte, einen Rahmen, über den man streiten und den man verändern konnte, weil man wusste, was man verändern wollte.“ Seit Höfer im Jahr 1967 hat es so etwas wie eine Auseinandersetzung über die programmlichen Schwerpunkte und Leitlinien eines Senders in der deutschen Öffentlichkeit nicht mehr gegeben. Die Intendanten sollten beweisen, dass die Anstalten, denen sie vorstehen, wie alle Organisationen lernfähig sind. Lernfähiger als der Frosch, der nicht spürt, wie das Wasser in dem Topf, in dem er sitzt, langsam immer wärmer wird. Denn er passt sich der Wassertemperatur an, am Ende wird er zerkochen. Weil sein Organismus nicht wahrgenommen hat, wie sich seine direkte Umwelt peu à peu verändert hat. Dieses Schicksal steht den Gebührensendern bevor, wenn sie ihre Strukturen nicht grundlegend ändern, ihre Programme nicht verbessern, ihre Führung nicht entmachten, ihre Gremien nicht entpolitisieren, ihre Vorbilder (Privatfernseh-Erfolge) nicht überdenken und ihre Legitimation nicht pflegen, beispielsweise durch einzigartig qualitätsvolles Programm. Und zwar werbefrei.

All das muss bald geschehen. Sonst droht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Liebesentzug des Publikums. Die jüngeren Zuschauer sind schon weg. Die alten sterben nach und nach. Und irgendwann wird es auch der Politik und der Justiz zu viel werden, wenn die ungelenke Führung in Form der älteren Intendanten-Herrschaften nicht bald Struktur-Änderungen vornimmt. Aber man hat den Eindruck, die Damen und Herren in ihren Turmzimmern haben den Knall des neuen Medienzeitalters nicht gehört.

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